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jahresvorausblicke:2011

2011 - Das Jahr in dem wir Schwung aufnahmen

Nachdem Ende 2010 die einhellige Meinung vorherrschte, dass Jahresrückblicke angesichts ihrer schieren Anzahl einfach nur noch nerven, habe ich mich diesmal zu einem ungewöhnlichen Schritt entschieden. Statt einen Jahresrückblick 2010 gibt es einen Jahresvorausblick 2011.

Der Satz “Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen” wird mehreren Größen der Geschichte zugeschrieben, von Nils Bohr bis Winston Churchill. Vermutlich ist er sogar deutlich älter. Sun Tsu soll 500 v. Chr. gesagt haben: “kein Schlachtplan überlebt den ersten Feindkontakt”. Das hat aber die selbsternannten Wirtschaftsspezialisten unserer Zeit jedoch nie davon abgehalten, munter Prophezeiungen zu äußern. Mit nachweislich mäßigem Erfolg. Wenn auch nur zehn Prozent dieser selbsternannten Spezialisten tatsächlich eine Ahnung davon hätte, wie sich die Zukunft entwickelt, dann hätten die Amerikaner in Bildung statt in Immobilien investiert und Bayern würde mit einem Grinsen zusehen, wie Kärnten die marode Hypo Alpe Adria selbst mit Steuergeldern abwickelt.

Bei Wirtschaftsmagazinen in den Staaten und in Russland wird immer Mal wieder zum Spaß der Vergleich zwischen der Anlagestrategie einiger gestandener Börsenprofis und eines dressierten Schimpansen gezogen. Was soll man sagen: der Affe gewinnt meistens, weil er nach dem Zufallsprinzip auswählt, anstatt durch Gier geleitet immer die riskantesten Anlagestrategien zu wählen.

Im Gegensatz zu Spekulanten wird der Affe vermutlich aber auch nicht von seiner Sippe mit neuen Bananen versorgt, wenn er seine eigenen beim Versuch sie zu vermehren in einen Fluss geworfen hat.

Aber ich schweife ab. Jahresvorausblick, das war das Thema. Fangen wir an.

Konservative Überwachungsfetischisten triumphieren 2011, weil seit dem flächendeckenden Einsatz von Nacktscannern an keinem deutschen Flughafen mehr Laptops verschwinden oder irgendwelche Terrorverdächtigen beobachtet werden. Gut, das kann auch daran liegen, dass gar keiner mehr fliegt, seit das erste Tausenderpaket Nacktscannervideos Seite an Seite mit den Namen und Bildern der Fluggäste auf YouTube aufgetaucht ist. Das Video hält seitdem unangefochten Platz Eins in der Click-Statistik. Die Fluggesellschaften sind ein klein wenig unglücklich, weil jetzt, nachdem sie endlich ihre neuen A380 geliefert bekommen haben, nur noch Fracht mit dem Flugzeug unterwegs ist. Zwei positive Effekte hat es dennoch: da Fracht bekannter Maßen nicht anständig kontrolliert wird, sinken die laufenden Kosten der Fluggesellschaften und Flughafenbetreiber. Ausserdem geht die CO2-Belastung durch den Flugverkehr stark zurück.

Die neue Gesundheitskarte wird vorgezogen im großen Stil eingesetzt und zwei Tage später steht im Facebook-Status jedes Nutzers die Liste seiner aktuellen und vergangenen Gebrechen. Das Bundesgesundheitsministerium spricht von unbedeutenden technischen Kinderkrankheiten. Internet Apotheken erkennen den Trend, kaufen eine Kopie der Datenbank und schicken jetzt viel gezielter Werbe-E-Mails für Mittel gegen Fettleibigkeit und Potenzschwäche. Gesundheitsminister Rösler sieht die positiven Seiten und verspricht einen Effizienzgewinn im Gesundheitswesen. Pharmaindustrie und Medizintechnik zeigen ihm geschlossen den Mittelfinger und erhöhen Ihre Preise um den von der Regierung geforderten Pflichtrabatt.

Bei BP läuft das Jahr 2011 wie geschmiert. Zwar haben sie 2010 den Golf vollgetankt, allerdings finden sie eine Möglichkeit, den Sprit direkt aus dem Meer in die Zapfsäule fließen zu lassen. Ein unglaublicher Effizienzgewinn. Gerüchten nach zu urteilen, sind die paar noch lebenden Seevögel von der Methode nicht begeistert. Aber die fahren ja nicht Auto und sind damit nicht BPs Zielkundschaft. Kein Problem also. Neue Tiefseebohrungen sind bereits geplant, jetzt ist es auch schon egal.

Umweltbundesminister Röttgen köhlert seinen Job und wird neuer Aufsichtsratsvorsitzender bei Vattenfall. Er verspricht dem Land eine strahlende Zukunft und billige Energie für Großkonzerne. Arbeitsministerin von der Leyen übernimmt kommissarisch die Leitung des Umweltministeriums. Sie einigt sich mit der FDP und der Opposition, dass der Hartz-IV-Satz um 20 statt wie geplant 5 Euro angehoben wird. Im Gegenzug muss jeder Hartz-IV-Empfänger pro Jahr Lebensalter ein Fass radioaktiven Abfall aus der Asse in seiner Wohnung einlagern. Ab dem 50. Geburtstag erhält das glückliche Geburtstagskind zusätzlich noch ein Überraschungsfass mit Arsen oder irgend einem anderen hochgiftigen Dreck, der heimlich in der Asse verklappt wurde. Im Ergebnis gehen die Ausgaben für Hartz-IV und die Endlagerung stark zurück, von dem gesparten Geld wird das nächste in Schieflage geratene Finanzinstitut auf Kosten der Allgemeinheit vor seiner eigenen Gier gerettet. Alle sind glücklich, bis auf Thilo Sarazzin, der hätte durchsetzen wollen, dass die Fässer nur bei Leistungsempfängern mit Migrationshintergrund gelagert werden. Von der Leyen beglückwünscht sich im Stillen selbst, dass diese Taktik deutlich glatter durchlief, als die von ihr 2010 propagierte Umbenennung von Hartz-IV in “Äußert großzügige Almosen für das arbeitsscheue Parasitenpack”.

Verbraucherschutzministerin Ilse Eigner setzt zu aller Erstaunen rigorose Datenschutzrichtlinien bei allen deutschen Unternehmen durch, die im Internet Angebote unterhalten. In der Folge wird Google-Streetview komplett verboten.

Weniger beachtet geht ein neuer Dienst online: Bundes-Streetview mit flächendeckenden Live-Kameras in allen großen deutschen Städten. Der Dienst ist voll auf der Höhe der Technik. Im Bundeskriminalamt blinken jedes Mal rote Lämpchen, wenn arabisch aussehende Bartträger mit Rucksack ins Kamerabild geraten. Grüne Lämpchen blinken, wenn die Kamera in einem günstigen Winkel zu einem prall gefüllten Dekolleté steht. Vergrößerung und Aufzeichnung starten selbständig und die Überwachungskamera-Operatoren feiern regelmäßig das “Körbchen des Monats”.

Der Heilsbringer Freiherr von und zu Guttenberg beendet im Alleingang den Afghanistankrieg. Er hatte die zündende Idee, einfach allen Taliban handsignierte Pressefotos seiner selbst in einer Pilotenuniform zu schicken. Die Ex-Kämpfer sind so hingerissen, dass alle Konflikte sofort zum Erliegen kommen. Stattdessen liegen Guttenberg-Look-Alike Parties in und um Kabul jetzt voll im Trend. Die Haargel-Industrie bezeichnet Afghanistan als das neue El-Dorado.

Zuhause in Deutschland hat Prinzessin Barbie zu Guttenberg zusammen mit den größten moralischen Instanzen Deutschlands, RTL-2 und der Bild-Zeitung, nochmals einen Gang bei der Bekämpfung der verfallenden Sitten hochgeschaltet. Sie hat jetzt eine Reality-Show, bei der Live-Treibjagdten auf mutmaßliche Kinderpornographen im Besonderen und Internetnutzer im Allgemeinen gezeigt werden. Waffen und Munition werden von ihrem Mann zur Verfügung gestellt, die werden jetzt im Ausland nicht mehr benötigt. Die Gewinner der Show bekommen den ausgestopften Delinquenten mit nach Hause und erhalten zusätzlich ein Jahresabo der neuen Zeitschrift “Chic wie Guttenberg - Wir können Kanzler”.

Alice Schwarzer nutzt die Gunst der Stunde und erschießt eigenhändig den Ex-Wetterfrosch Jörg Kachelmann, nachdem sie ja zuvor schon Anklage und Richter in Personalunion war. Wo sie gerade dabei ist, knöpft sie sich auch gleich noch die junge Familienministerin Schröder vor, weil die es gewagt hat zu äußern, dass es noch andere funktionierende Lebensmodelle für selbstbewusste Frauen gibt, als die von Alice Schwarzer.

Bundeskanzlerin Merkel ärgert sich, dass der Versuch, den Osten zu fluten, nicht so gut geklappt hat, wie bei ihrem Amtsvorgänger. Auch Experimente mit vom Erdboden verschluckten Dörfern liefen nicht zufriedenstellend, werden allerdings als Plan-B im Auge behalten, falls nicht alle Fässer aus der Asse im sozialen Wohnungsbau untergebracht werden können.

Die Union bekennt sich geschlossen zu Ihrer ergebnisoffenen Festlegung auf das Endlager Gorleben. Auch wenn die Halde leider nicht mehr an der Zonengrenze liegt, hat man mit Salzstöcken doch so gute Erfahrungen gemacht, das man sich ziemlich sicher ist, dass bis zum Ende der Amtsperiode kein Kollaps zu verzeichnen sein wird. Jetzt müssen nur noch rechtzeitig alle Castoren im Eilverfahren dorthin gebracht werden. Falls tatsächlich die Grünen die nächsten Bundestagswahlen massiv dazugewinnen, dann haben sie den Mist am Hals. Für den Spaß nimmt die Union auch gerne mal vier Jahre lang auf der Oppositionsbank Platz.

Die Bundesregierung hat endgültig genug von ihrem Nein-Sager-Volk und schafft vorsorglich 2.500 neue Wasserwerferfahrzeuge und eine halbe Tonne Pfefferspray an. Völlig überraschend kommt die Erklärung, dass jetzt auch in Deutschland eine Homeland-Security gegründet wird. Stefan Mappus erhält die Leitung und schwört bei Amtsantritt einen Eid, Deutschland unter allen Umständen vor seinen Bürgern zu schützen.

Die Bahn freut sich darüber, dass Stuttgart 21 plus eine halbe Milliarde gebaut werden darf. Am Ende kostet das fertige Konstrukt dann allerdings vierzehn statt viereinhalb Milliarden. Man führt das auf die Inflation zurück. Vermutlich ist Griechenland irgendwie daran schuld.

Nachdem der Versuch der FDP-Oberen, Guido Westerwelle meistbietend auf EBAY zu verschachern, am fehlenden Mindestgebot von 2,50 Euro scheitert, wird fieberhaft an Alternativplänen zu seiner Zwischenlagerung gesucht. Die Basis steht dagegen geschlossen hinter ihm. Alle 27 Mitglieder. Die restlichen Mitglieder hatten die FDP verlassen, als ihnen nach reiflicher Überlegung klar wurde, dass sie weder ein Hotel, noch ein Atomkraftwerk besitzen.

FDP-Generalsekretär Stefan Lindner wird für seine weltfremden Theorien zur Selbstbestimmung bei der persönlichen Wahl des Renteneinstiegsalters kritisiert. Er hatte in einem Anfall von spätjugendlichem Leichtsinn fröhlich verkündet, dass doch jeder selbst entscheiden solle, ob er lieber mit weniger Rente auskommt oder länger arbeitet. Das wäre eine prima Gelegenheit, den Ruhestand früher zu geniessen. Ihm wurde hinter verschossenen Türen ganz langsam erklärt, dass nicht jeder ein Jahresgehalt von über 100.000 Euro hat. Ein Denkansatz, der für ihn neu war, weil er mit solchen Menschen bisher nie Kontakt hatte. Darauf hin entwickelt er eine neue Idee, die er in dem Leitsatz: “Ihre freie Entscheidung: länger arbeiten oder früher sterben!” zusammenfasst.

Thilo Sarazzin, ehemaliger Bundesbänker, selbsternannter Humangenetik-Experte, Ethnologe und Vorzeigeethiker kommt nicht mehr dazu, weitere Bücher zu schreiben. Er ist zu sehr damit beschäftigt, seine Geldscheinberge aus dem Verkaufserlösen regelmäßig zu wenden, damit sie keinen Schimmel ansetzen. Seine Bewerbung um eine Mitgliedschaft bei der DVU wird zu seinem Bedauern abgelehnt, weil selbst deren Parteivorstände seine Idee von der Wiedereinführung der “Mütter für Deutschland”-Institution für nicht sehr subtil halten.

In Marburg wird die Margot Käßmann-Stiftung für prominente Alkoholiker und Fahrsicherheits-Trainig eingeweiht. Diverse bayrische Politiker haben sich schon einen Platz reserviert.

Wiki-Leaks veröffentlicht eine Reihe geheimer Unterlagen mehrerer amerikanischer Großbanken. Die Sensation: aus den Papieren geht hervor, dass die Banken und ihre Führungskräfte geldgierige Blutsauger sind, die sich um das Wohlergehen von Volkswirtschaften und der darin lebenden Menschen soviel scheren, wie der Reifen eines Porsche-Cayenne um die Kröten, die er platt walzt. Ein Video zeigt wie sich Bankvorstände nach einem Rettungspaket bei teuerem Schampus darüber kaputtlachen, dass der Steuerzahler für ihre Fehler gerade steht. Das hätte nun wirklich keiner erwartet.

Die Amerikaner sind jetzt richtig sauer und rufen den heiligen Krieg gegen Wiki-Leaks aus. An dem von Schweden ausgelieferten Julian Assange statuieren sie ein Exempel. Sie sperren ihn lebenslang in eine Einzelzelle in Guantanamo und übertragen seine täglichen Waterboarding-Sessions live auf Fox-News. Sie müssen jedoch erstaunt zur Kenntnis nehmen, dass dadurch Wiki-Leaks nicht aufhört zu existieren. Als sie erkennen, dass der einzige Weg, Wiki-Leaks zu stoppen darin besteht, das Internet physikalisch zu demontieren, schicken sie in alle Himmelsrichtungen Teams aus, die sämtliche Telekommunikationsleitungen abbauen und Satelliten herunterschießen sollen. Allerdings müssen sie das Vorgehen nach zwei Wochen beenden, da Millionen wütender EBAY-Verkäufer, World-of-Warcraft-Spieler und Facebook-Nutzer mit Knüppeln und blossen Händen auf die Teams losgehen.

Deutschland ist beleidigt, weil in einer Randnotiz der Enthüllungen die deutsche Bank erwähnt wird und Josef Ackermann als “arroganter Schnösel ohne Bodenhaftung” bezeichnet wird. Man hatte sich hier schon eine positivere Einschätzung gewünscht.

Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle erklärt den Aufschwung zu seinem persönlichen Verdienst und lässt sich selbst eine 15 Meter hohe Bronzestatue giessen, die auf dem Reichstagsgebäude aufgestellt wird. Sie blickt stolz dem Sonnenaufgang entgegen. Am Sockel der Statue steht in Stein gemeißelt: “Auf dass der Aufschwung, den ich Euch schenke, nicht von Euren Gehaltsforderungen erstickt wird.” Irgend ein Scherzbold hat mit dem Taschenmesser den Satz daneben geritzt “Aber mehr Netto vom Brutto.”

jahresvorausblicke/2011.txt · Last modified: 2015/05/17 17:44 (external edit)